Nanoriffaquaristik ohne aufwändige Technik – ein preiswerter Einstieg in die Meerwasser-Aquaristik
Seit Jahren hält sich hartnäckig ein Gerücht:
Meerwasseraquaristik, insbesondere die Riffaquaristik mit der schier unbeschreiblichen Vielfalt an Lebensformen sei teuer, technikaufwendig und schwer beherrschbar!
Die Aussage ist jedoch genauso falsch wie sie auch richtig ist.
Klingt paradox, ist aber absolut verständlich, wenn man folgende Regel beherzigt:
Der Aufwand, den man betreiben muss, hängt immer von den Tieren ab, die man pflegen möchte.
Viele Lebensformen lassen sich sehr gut in kleinen Becken ohne Abschäumer und Technikaufwand pflegen und sogar besser beobachten, als dies in einem großen Becken möglich wäre.
Zum Start besonders gut geeignet sind z.B. Komplettsets mit 54l Inhalt, man kann die vorhandene Abdeckung (in der Regel 15W T8-Röhre) leicht mit einer zusätzlichen Leuchteinheit aufrüsten, um so die Lichtmenge zu verdoppeln.
![]() |
| Xenia spec. |
Die mitgelieferte Tageslichtröhre ist einsetzbar, besser sollte man aber eine spezielle Seewasserlichtfarbe mit 9-10000 K (Kelvin) kombiniert mit einer Blauröhre (aktinisches Licht, blue actinic) verwenden, da viele Korallen Symbiosealgen (Zooxanthellen) in ihrem Körpergewebe eingelagert haben und somit den Energiebedarf zum Großteil über das Licht decken. Meerwasser filtert mit zunehmender Tiefe viele Spektralbereiche des Sonnenlichtes, deshalb bleibt mit zunehmender Tiefe vorwiegend blaues Licht übrig.
Die Röhren sollten getrennt gesteuert werden, man beginnt und endet mit einer Blaulichtphase, in der einige Korallen dann auch herrlich fluoreszierende Farben zeigen.
![]() |
![]() |
| Das gleiche Tier bei normaler Beleuchtung |
Mit dieser Beleuchtung lassen sich viele Weichkorallen wie Scheibenanemonen, Krustenanemonen, Pilzlederkorallen, Keniabäumchen, Xenia, Anthelia u.a. erfolgreich pflegen.
Auch Röhrenkorallen (Briareum, Clavularia, Star Polyps), Affenhaar -gehört zu den Hornkorallen (Gorgonien), obwohl man es kaum glauben könnte anhand der Wuchsform- und andere robuste Arten werden so beleuchtet gut gedeihen.
Wer später einmal vielleicht Steinkorallen und andere lichthungrige Arten pflegen möchte, sollte gleich entweder auf Halogenmetalldampflampen (HQI) oder T5-Technologie setzen, da die Lichtausbeute deutlich höher liegt.
T5 verbraucht weniger Strom und produziert weniger Abwärme, es fehlt jedoch der von vielen Menschen so geliebte „Kringeleffekt“ im Wasser, der in der Natur bei Sonnenschein im Meer zu sehen ist.
Für kleinere Aquarien gibt es mittlerweile noch eine weitere Alternative, die PL (Powerline) Lampen, die von der T5-Technologie abgeleitet sind, der Aufbau ist ähnlich einer Kompaktenergiesparlampe.
Damit wird recht viel Licht auf kleinem Raum erzeugt, ich beleuchte mit einer 18 W 10000K PL das 35 l Küchennano, welches seinen Platz auf dem Kühlschrank gefunden hat, und bisher gedeihen alle Tiere hervorragend.
Strömung ist sehr wichtig, die von der Süßwasseraquaristik bekannte biologische Filterung wird hier vom sog. Lebendgestein übernommen, welches aus dem Meer stammt.
Es besteht aus abgestorbenen Steinkorallenskeletten und ist auf der Oberfläche und im Inneren stark mit wichtigen Bakterienkulturen besiedelt.
![]() |
| Krustenanemone (Zoanthus spec.) |
Daher werden Filter nur als Schnellfilter eingesetzt, Langzeitfilterung oder Rieselfilter sind eher kontraproduktiv, da sie sich zu regelrechten „Nitratschleudern“ entwickeln.
Der im Komplettset mitgelieferte Innenfilter ist jedoch einsetzbar, wenn beim wöchentlichen Teilwasserwechsel von ca. 5% auch immer eine gründliche Reinigung des Schaumstoffes erfolgt.
Eine zweite Strömungspumpe sorgt für weitere Bewegung des Wassers, hier haben sich die JBL ProFlow oder die neuen Minipumpen von Eheim bei mir sehr bewährt.
![]() |
| Scheibenanemone (Discosoma spec.) blau |
Man sollte eine etwa 10-malige Umwälzung des Beckeninhaltes anstreben. Als Bodengrund eignet sich Aragonit-Sand, Life- Sand (mit belebten Bakterienkulturen und Lebewesen, recht teuer) oder einfacher Korallengrus, wobei der feinere besser ist.
Zum Unterbau des Riffs benötigt man kein Lebendgestein. Tuffgestein oder metallfreies poröses Kalkgestein ist geeignet, warum nicht auch einige Brocken des weit verbreiteten Lochgesteins, das sicher einige noch herumliegen haben!
Eingefahrenes Altwasser von einem Bekannten oder Händler verkürzt die Einfahrphase erheblich, man kann dann sofort den Aufbau mit Lebendgestein vervollständigen.
Für so ein kleines Nano reichen je nach Aufbau 3-5 kg, um genug Leben einzubringen. Den noch sterilen Bodengrund sollte man mit einem Esslöffel Bodengrund aus einem gut laufenden Becken animpfen.
Bei frisch angesetztem Salzwasser sollte man ca. 1 Woche warten, bis man Lebendgestein einbringt, da das Wasser am Anfang noch zu aggressiv ist. Bitte immer Osmosewasser verwenden, es sollte möglichst wenig oder kein Phosphat und Silikat enthalten sein, sonst entstehen durch Silikat Kieselalgen (in der Startphase jedoch normal) und Phosphat behindert das Korallenwachstum, wobei Weichkorallen da toleranter sind.
![]() |
| Küchennano Standzeit ca. 6 Wochen |
Verdunstetes Wasser wird nur mit Osmosewasser aufgefüllt, viele Anfänger machen den Fehler und füllen mit Salzwasser nach, was zu einem unkontrollierten Dichteanstieg führt und die Tiere nur einen engen Bereich tolerieren.
Schwankungen der Dichte sind zu vermeiden, besonders niedere Tiere (Schalentiere wie Garnelen, Einsiedler) vertragen dies sehr schlecht, Fische sind da deutlich toleranter. Der anzustrebende Bereich liegt bei 1023-1025.
Am Salz sparen ist auch schlecht, gute Erfahrungen habe ich mit folgenden Sorten gemacht:
Tropic Marin, AquaMedic Reefsalt, Instant Ocean, ReefCrystals.
Aber die Wahl des Salzes ist auch eine Art Religion, jeder hat mit einer anderen Sorte andere Erfahrungen gemacht, bei Problemen einfach mal wechseln. Ich wechsle bei jedem Wasserwechsel die Sorte, da man so für eine ausgewogenere Zufuhr an Spurenelementen sorgt, weil jedes Salz geringfügig anders zusammengesetzt ist.
![]() |
| Meine „rote Meile“, Thor amboinensis (sexy shrimps) |
Geduld ist überhaupt das wichtigste, alles dauert länger zum Einfahren als im Süßwasser.
Wenn die Wasserwerte stabil sind (Nitrit/Nitrat, Karbonathärte, pH, Phosphat, Silikat, Calcium und Magnesium, um mal die wichtigsten Werte genannt zu haben) kann man die ersten Einsiedlerkrebse einsetzen, die sich im Beseitigen der Algen nützlich machen.
![]() |
| Paguristes cadenati, hüsch und friedlich, sehr guter Algenvernichter |
Aus dem Lebendgestein werden Schnecken, Schlangensterne, Würmer und vieles andere (auch ungebetene Gäste wie Krabben, Glasrosen, „Anemonia“ cf. manjano) auftauchen, die das Becken reichhaltig beleben.
Man entdeckt jeden Tag etwas Neues und die kleinen Entdeckungen lassen einen nie auslernen.
![]() |
| Calcinus elegans, sehr schön aber eher nicht geeignet für ein Nano, er planiert alles weg, was ihm im Weg steht und ist sehr kräftig. |
Ich kann hier leider nicht auf alle Einzelheiten eingehen, das würde den Rahmen unseres Heftes sprengen und einige Leser sicher abschrecken.
Diejenigen, die nun Appetit auf „Meer“ bekommen haben, sollten sich im Internet umsehen, es gibt sehr gute Seiten und Foren mit einer Menge an Infos. (z.B. Korallenriff. de mit 1×1 für Einsteiger, riffaquaristikforum.de, wohnzimmerriff.de usw.)
An Büchern kann ich für den Einsteiger die von Daniel Knop empfehlen, die Stadtbücherei Mannheim hat „Riffaquaristik für Einsteiger“ und „Nanoriffaquarien“ im Verleih, für alle, die sich mal einlesen wollen.
Calcinus elegans, sehr schön aber eher
nicht geeignet für ein Nano, er planiert
alles weg, was ihm im Weg steht und ist
sehr kräftig.
Wer noch Fragen hat, soll mich einfach kontaktieren oder bei einem Treffen ansprechen, ich freue mich über jedes Feedback!
Sven Zinner
Anmerkung: Alle Bilder sind von mir selbst erstellt und zeigen nur von mir gepflegte Tiere.









